Chattras, Haus Melanes – Novize der O kosh

Chattras

Sohn des Serrasthes

Haus Melanes,

Eingeweihter in die somatischen Mysterien

Reisegefährte der Oshead

Schüler der Taja Afarit

Schüler der Ayela Zhalam

O Kosh not un

Es sind recht viele Epitheta, die der Mann, den die meisten derer, die ihn kennen schlicht (und falsch) „Kattrass“ nennen, inzwischen angehäuft hat. Obwohl er sich immer noch nicht zu schade ist, diese Litanei einem Fremden anzutun, lächelt er doch ein wenig schief dabei. Es ist seine eigene Geschichte – und er weiß, wie unwichtig sie eigentlich ist.

Das Haus Melanes lag auf Ortac, einem kleinen Flecken Erde, irgendwo in den Weiten des Weltozeans, nur einen Steinwurf vom Nirgendwo entfernt. Die Melanes waren einst treue Offiziere des Archons der Naevi, das Volk, dem Chattras entstammt. In gewisser Weise sind sie es geblieben, aber der Ehrgeiz anderer Familien, ein Land in Krieg und Umbruch sowie eine zu spät ernstgenommene Intrige haben dafür gesorgt, dass sie in Schande von Hofe verbannt wurden. Das gerettete Familiensilber konnte den langsamen, unaufhaltsamen Untergang des Hauses nicht verhindern, welcher etwa mit Chattras‘ 10. Lebensjahr begann. Sie lebten in selbstgewählter isolationin der Fremde, im Land Chirya, welches von Flüchtigen aus Naevi gegründet worden war, und welche den Melanes nicht sehr freundlich gegenüberstanden. Schnell waren die wenigen, verbliebenen Diener entlaufen, das Landhaus zu einer Hütte geworden, der Vater in Erinnerungen und die Mutter im Weinkeller verschollen.

Für den jungen Chattras, der Offiziersdienst und Soldatentum nur aus konfusen Erinnerungen und väterlichen, kraftlosen Predigten kannte, bot das Land aber auch eine einzigartige Gelegenheit. Magie ist selten im Land Ortac. Man misstraut ihr, meidet sie, sperrt sie ein und überlässt sie einigen wenigen Kundigen, die mehr ihre Wärter als ihre Anwender sind. Ein solcher, Razak mit Namen, hatte in der Nähe der Siedlung sein Versteck. Ihm fiel Chattras‘ Neugier auf, seine Neigung zu den wenigen Büchern und Schriften, und auch sine völlige Furchtlosigkeit im Umgang mit dem Übernatürlichen und Unbegreiflichen. Was ihn dazu veranlasst haben mag, den Jungen bei sich aufzunehmen und ihn zu unterrichten, ist nicht mehr bekannt. Chattras schweigt sich über seinen ersten Lehrmeister aus oder bedenkt ihn mit wenig schmeichelhaften Bezeichnungen.

Sicher ist aber, dass der junge Melanes sich mit Begeisterung in die Bücherkatakomben stürzte, in uralte Schriften, vergessene Sprachen, verlorene Geheimnisse und was auch immer er finden konnte. Sicher ist ebenfalls, dass er stets unzufrieden war mit den Beschränkungen, die der arkanen Wissenschaft und dem Wissen an sich auf Ortac auferlegt waren. Er war auf der Suche nach mehr, nach etwas anderem, nach einem Weg hinaus aus dieser engen, kleingeistigen Welt, in der er sich gefangen glaubte. Und schließlich fand er es.

Die somatischen Mysterien sind eine absonderliche, sperrige Angelegenheit, eine Mixtur aus Philosophie, Suche nach Erleuchtung und handfestem Weg zu mehr Macht. Es ist fraglich, ob es außer der halbzerfallenen Abschrift eines Kommentars zum eigentlichen Grundwerk, welche Chattras in den Tiefen der Katakomben fand, noch weitere Überreste dieser Lehre gibt. Noch fraglicher ist, ob noch Menschen leben, die sie kennen oder gar anwenden. Doch für den jungen Magierlehrling waren die Mysterien nach Symmachos (kommentiert von Dar-Athanos) eine Offenbarung – ein schneller Weg zu neuen Fähigkeiten sowie das Versprechen auf endgültige Erkenntnis. Unglücklicherweise führt der Pfad durch das sorgfältige Studium toter Körper, und so war ein Konflikt vorprogrammiert.

Der Streit war kurz, aber verheerend. Chattras‘ Ehrgeiz, Skrupellosigkeit und sein Wille zur Macht passten einfach nicht zur vorsichtigen, sorgfältigen Art, wie man in Ortac Magie beherrschte. Der Lehrling, der sich nun stolz (und ein wenig größenwahnsinnig) als „Eingeweihten“ und „Beschwörer“ bezeichnete, ließ seinen Meister, seine Familie und sein Leben zurück. Er ging fort, um nach Wissen, Erleuchtung, genug Geld zum Überleben und genug unbeanspruchten Leichen zur weiteren Forschung zu suchen. Den dramatisch getätigten Schwur, sich in Wissen und Willen niemals mehr beschränken zu lassen, sollte er allerdings schon bald wieder brechen.

Vielleicht wäre er schon bald gescheitert, hätte es nicht eine verborgene, aber stetige Bewegung aus Ortac hinaus gegeben. Viele flohen vor dem Krieg, der das Land zerrüttete, und manche wagten es auch, sich über die bis dato feindseligen und nur wenigen bekannten Ozeane davonzumachen. Chattras gelangte nach Mitraspera, und er geriet an eine Gruppe ähnlich gearteter, wenn auch viel weniger förmlich erzogener Ortacler. Oshead, „die Anderen“ genannt. Mit ihnen zog er in die Schlachten des fremden Kontinents, doch es hielt ihn nicht dort. Die strengen Gesetze der Elementarmächte, die dieses Land schufen und beherrschen (und hier sind ebenso weltliche wie überweltiche Gesetze gemeint) drückten letztendlich zu schwer auf ihm. Er suchte – und fand – eine neue Heimat in der Zuflucht.

Anfangs, als aufgelesener Schüler Ihrer grauen Eminenz eher argwöhnisch beäugt, entwickelte sich der Magier fast schon gegen seinen Willen zu einer Eminenz der O Kosh. Er lanzte die Meditationstänze, schleppte Kisten, brach die ihm auferlegten Flüche und nahm sogar an einer (halben) Einheit Frühsport mit dem Schwert teil. Es gelang ihm eine Art tolerierter Sonderstellung zu erkämpfen, und obwohl er vielleicht nicht der umgänglichste Magier der Delegation der grauen Eminenz Afarit ist, ist er doch inzwischen einer der ältesten Schüler. Er hat so etwas wie einen zurückhaltenden Respekt gegenüber seiner alten und seiner neuen Lehrmeisterin entwickelt und auch die anwesenheit einer kämpfenden Truppe zu schätzen gelernt. (Nur gegenüber gewissen spitzohrigen Rassen hegt er noch Ressentiments.)

Letztlich hat er sich aber immer eine geistige Distanz zu der Denkweise und den Idealen der O Kosh bewahrt. So oft er kann, verläßt et die Zuflucht auf der Suche nach neuen Ideen oder zumindest ein paar neuen Leichen. In jedem Sommer ziehtt er nach Mitraspera (oder, inzwischen, nach Kelriothar) um den Kontakt zu den Repräsentanten seiner Ursprünge nicht abreissen zu lassen. Auch hat er dort seinen ersten Schritt auf dem angedachten Weg zur Unsterblichkeit getan – seine Seele ist nun fest mit einem Edelstein verbunden, dessen auserwählter Wächter eine unscheinbare Frau aus dieser wilden Gaunertruppe ist. An diesem Tag opferte er das Wissen um den Namen seiner eigenen Mutter, eine Handlung, die er nur selten und still, dann aber umso mehr bereut. Neben den Oshead hat er dadurch auch Verbindungen zum Reich der Rosen und zur Rotte gewonnen … zumindest ein wenig. Diese Wandelbarkeit könnte ihm vielleicht noch nützlich werden, sollten die Pläne der O Kosh, in Richtung Mitraspera zu expandieren, konkreter werden.

Was kaum jemand ahnt und vielleicht niemand weiß ist, dass er in der jüngsten Vergangenheit die Aufmerksamkeit eines merkwürdigen, geisterhaften Wesens geraten ist, welches ihn ab und zu in der Nacht heimsucht. Versprechen von großer Macht und Wissen fallen bislang noch auf zynische Ohren, aber vielleicht braucht es ja nur den richtigen Anreiz …

Inzwischen hat der Beschwörer einiges erlebt. Er war Teil von fünf Feldzügen, hat gegen eine Armee Werwölfe gekämpft (beziehungsweise diesen Kampf ein wenig unterstützt) Geister, Untote und merkwürdige Alptraumkreaturen beschworen, war Teil nächtlicher Kommandoaktionen im Krieg um die Inseln der Macht und hat vor allem mehr blutende Wunden mit Feuer, Schmerz und mehr Liebe, als er je hätte gedacht ertragen zu können wieder verschlossen.

Dieser Tage geht sein Blick häufig zurück in die Vergangenheit. Sein Lehrmeister und seine Familie sind vielleicht schon tot, vielleicht aber auch nicht – Nachrichten aus Ortac sind selten und widersprüchlich. Eine Rückkehr wäre sicher nur temporär, aber möglicherweise seine letzte Gelegenheit. Auch hadert er ein wenig mit seiner eigenen Rolle bei den O Kosh wie auch vor sich selbst. Das Ende einiger Entwicklungen ist erreicht, und es ist fraglich, wie es weitergehen wird …